Zigarettenstummelrummel

In Großbritannien wird jetzt abgestimmt!

Wie, ist das Brexit-Thema immer noch nicht durch? Gibt es schon wieder Neuwahlen? Sucht man nun auf demokratischem Weg Nachfolger für Harry und Meghan? Nein Nein, das nun auch wieder nicht. 

Dennoch sieht man auf der Straße immer häufiger kleine Wahlurnen, die die Menschen jederzeit befüllen können. Dabei geht es zwar nicht um so politisch relevante Themen wie den Austritt aus der EU, dafür aber auf amüsante Art und Weise um den Schutz unserer Umwelt. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Nun ja, da kommen die “Stimmzettel” ins Spiel. Das sind nämlich Zigarettenstummel. Und die Wahlurnen sind Aschenbecher.

Warum liegen hier eigentlich überall Kippen?

Gewohntes Bild am Strand von Norddeich. Foto: Perpetuum Mobility e. V.

Besonders in großen Städten, ganz besonders an Orten, an denen sich viele Menschen aufhalten, und ganz ganz besonders an Stellen, an denen viele von diesen Menschen auch noch auf etwas warten, gehören sie zum gewohnten Bild: Zigarettenstummel. So sehr, dass sie einem kaum noch auffallen. Dass man das Gefühl hat, es fehle etwas oder man sei in einer privilegierten Nobelgegend unterwegs, wenn man mal keine sieht.

Aber wieso landen die Kippen eigentlich so häufig auf der Straße, dass man denken könnte, die Wege seien damit gepflastert?

“Normalerweise tue ich sowas nicht!” Wer hat diesen Satz nicht schon einmal gehört? Mal geht es dabei darum, dass man gerade allein eine ganze Tüte Chips verputzt hat oder, dass ein Mann mal wieder den Toilettensitz nicht ordnungsgemäß heruntergelassenen hat. Bei den allermeisten Deutschen geht es aber vor allem darum, dass man nur rein zufällig und auch zum allerersten mal das Dschungelcamp gesehen hat. Und auch nur für ein paar Sekunden. Ehrlich. (Aber hast Du gesehen was dann passiert ist?!) 

Nicht selten hört man diesen Satz aber vor allem, wenn jemand auf das achtlose Wegwerfen seines Zigarettenrestes hingewiesen wird. Natürlich auch im Bekanntenkreis. Zum Beispiel, wenn man zusammen ganz gemütlich im Vorgarten auf einer Mauer sitzt und sich über eben dieses Thema unterhält. 

Es dauert auch nur fünf bis zehn Sekunden, bis der neue Weltrekordhalter im Zigarettenstummel-Weitschnippen mit einer hastigen Bewegung versucht, die Zeit zurückzudrehen.

“Ich mache sowas auch nicht. Wann immer ich unterwegs rauche, suche ich am Ende den nächsten Mülleimer,” erzählt der Bekannte dann. Und nach einem letzten Zug schaut er mit stoischem Blick in die Ferne, atmet genüsslich aus und *SCHNIPP*, fliegt die Kippe in weitem Bogen durch die Luft. Der Stummel ditscht dreimal auf und fliegt dabei so weit, dass jedes kleine Kind, das dasselbe schon mal mit einem Stein auf dem Wasser probiert hat, vor Staunen den Mund nicht mehr zubekommen hätte. Oder dass einem selbst sämtliche Gesichtszüge entgleisen. Das ist nämlich tatsächlich passiert. Und es dauert auch nur fünf bis zehn Sekunden, bis der neue Weltrekordhalter im Zigarettenstummel-Weitschnippen mit ähnlichem Gesichtsausdruck dasteht, “Oh nein” ruft und mit einer hastigen Bewegung versucht, die Zeit zurückzudrehen. 

In einem solchen Moment kommt die Einsicht aber nicht nur bei dem Bekannten. Es wird einem klar, dass Menschen Zigaretten nicht aus schierer Boshaftigkeit auf den Boden werfen und sich dabei denken “Nimm das, Umwelt, nimm das!” Abgesehen davon, dass die meisten gar nicht wissen, was in einem Stummel stecken kann, ist die kleine schnippende Handbewegung eine solche Gewohnheit geworden, dass man sie fast schon zu unserer Kultur zählen könnte.

Was ist eigentlich so schlimm daran?

Zum Auftakt des Nordsee Clean Up haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, über die Gefahren von Zigarettenstummeln aufzuklären. Sehen nicht schön aus, wenn sie in großer Menge auf dem Boden liegen, darüber sind wir uns wohl einig. Und gut für die Umwelt kann das auch nicht sein. Die bestehen aus Kunststoff? Richtig. Na gut. Leider ist das aber noch nicht alles.

10-15 Jahre dauert es, bis so ein Stummel verrottet ist. Das ist ja ziemlich flott. Die Reste der Zigaretten, die geraucht wurden, als Gerhard Schröder noch Bundeskanzler war, dürften jetzt also nicht mehr zu sehen sein. Aber freut Euch nicht zu früh. Verrottet heißt nicht verschwunden. Es heißt zersetzt in winzig kleine Teilchen, die sich dann auf Reisen begeben, in unseren Meeren baden oder irgendwann im menschlichen Körper landen. So nehmen wir im Durchschnitt um die fünf Gramm Plastik pro Woche auf, was dem Gewicht einer Kreditkarte entspricht.

Dabei stehen Zigarettenstummel nicht sonderlich weit oben auf unseren Speisekarten. Sie schmecken nicht, sind nicht bekömmlich und sehen auch einfach nicht appetitlich aus. 

Laut Weltgesundheitsorganisation enthalten Zigarettenstummel neben 2 mg Nikotin bis zu 7.000 verschiedene Chemikalien, ein Großteil davon schädlich oder sogar krebserregend.

Ein weiteres Problem: Laut Weltgesundheitsorganisation enthalten Zigarettenstummel neben 2 mg Nikotin bis zu 7.000 verschiedene Chemikalien, ein Großteil davon schädlich oder sogar krebserregend. Bei so vielen Zutaten muss das Rezept von Zigaretten geheimer sein als das von Coca-Cola. Allerdings ist bei einem Filter der Name Programm. Er filtert nämlich die meisten Schadstoffe beim Rauchen und gibt sie erst wieder ab, wenn er mit Wasser in Berührung kommt. Gut für den Raucher. Nicht so gut für wo auch immer der Stummel landet. Nasser Sand, in dem Kinder spielen. Eine Pfütze auf der Straße, aus der ein Hund trinkt. Überall wo es regnet.

Damit wollen wir nicht sagen, dass alle Zigarettenstummel einfach in Wadi Halfa im Sudan entsorgt werden sollen, nur weil das einer der Orte mit dem geringsten Niederschlag ist (einmal ganze 19 Jahre ohne Regen). Vielmehr wollen wir darauf hinweisen, dass in so einem Stümmelchen mehr drin ist als es scheint. Und Wasser spült das Ganze schnell wieder raus. Ein kurzer Platzregen und zack: Alles sickert ins Grundwasser, die große Pfütze, aus der wir bevorzugt trinken.

Clevere Lösungsansätze gibt es bereits

Ein Stummel wird schon nicht die Erde zugrunde richten, oder? Vermutlich nicht. Aber die Masse macht’s. Auf Berlins Straßen lagen 2014 um die 2,7 Millionen Kippen pro Quadratkilometer. Das entspricht fast 19.300 Stück pro Fußballfeld, wie Galileo sagen würde. Überträgt man diese Zahl auf eine durchschnittliche Wohnung in Deutschland (91,8 m2), liegen dort ungefähr 248 Zigarettenkippen.

Praktische Taschenbecher für unterwegs. Foto: Perpetuum Mobility e. V.

Eine passende Lösung für das Problem scheint dabei noch niemand gefunden zu haben (wenn man davon ausgeht, dass es keine Lösung ist, dass jeder seinen Kram einfach in ein dafür vorgesehenes Behältnis wirft). Kein Wunder, dass eine Initiative mittlerweile Pfand auf Zigarettenkippen fordert. 20 Cent pro Stück. Wenn das eingeführt wird, sind wir die ersten, die in Berlin mit Beutel und Handschuhen durch die Gegend laufen. Schließlich machen wir das auch jetzt schon (*hust* Nordsee Clean Up *hust*). Aber 2,7 Mio. mal 20 Cent? Das ist ja, kurz rechnen… eine ganze Menge Geld!

Eine weitere Möglichkeit sind Taschenaschenbecher, kurz TAB. Eine kleine Klick-Klack-Dose aus Aluminium, die jeder unauffällig in seiner Tasche verstauen kann. Raucht man unterwegs eine und weit und breit ist kein Aschenbecher in Sicht, hat man die Lösung direkt in der Tasche. Ob man es aber schafft diese auch dauerhaft dabei zu haben sei dahingestellt

Was aber, wenn die einfachste Lösung irgendwie doch funktionieren könnte? Klar, klingt utopisch. Aber vielleicht kann man die Menschen ja motivieren, ihre Zigarettenreste doch ordnungsgemäß wegzuwerfen. Wie das gehen soll? Ein britisches Unternehmen hat dazu eine Idee entwickelt. Der Trick: den Spieltrieb im Menschen herausfordern. Das Ergebnis: der Ballot Bin. Wie er funktioniert: Ein kleiner Kasten, in der Mitte getrennt, sodass zwei Fächer entstehen. Jedes Fach hat eine Öffnung, durch die man die Reste in den Kasten werfen kann und eine durchsichtige Front, um zu sehen, wie viel Müll im jeweiligen Fach liegt. Und nun das Highlight: auf dem Kasten steht eine Frage und bei den Fächern jeweils eine Antwort- oder Wahlmöglichkeit. 

Dem Abfall einen Sinn geben

Für die wichtigen Fragen des Lebens: Der Ballot Bin. Foto: Hubbub Enterprise.

Jeder weggeworfenen Kippe gibt man also eine Stimme, einen Sinn könnte man fast sagen, anstatt sie einfach traurig auf der Straße enden zu lassen. So kann man ausdrücken, ob Star Trek besser ist als Star Wars (haha), ob es jemals wieder einen anderen deutschen Fußballmeister als Bayern München geben wird (hahaha) oder ob man gern die Umwelt und das Stadtbild verschmutzt. Ok, letzteres eigentlich nur, indem man seine Kippen direkt vor den Ballot Bin wirft. Bei so viel Spaß ist das achtlose Wegschnipsen einfach die weniger witzige Alternative.

So kann man ausdrücken, ob Star Trek besser ist als Star Wars, ob es jemals wieder einen anderen deutschen Fußballmeister als Bayern München geben wird oder ob man gern die Umwelt und das Stadtbild verschmutzt.

Unternehmen oder Gemeinden auf der anderen Seite können sich diese (vielleicht nicht ganz repräsentativen) Umfragen sogar zunutze machen. In der Raucherecke bei der Arbeit könnte man über ein Essen in der Kantine abstimmen lassen, bei einer Grünfläche in der Stadt fragen, ob man lieber einen Spielplatz oder einen Gemeinschaftsgarten hätte oder vor Behörden herausfinden, wie zufrieden die Kunden mit der Wartezeit sind. Wo hat man schon so viel Macht? Da überlegt man sich schon zweimal, ob man wirklich Nichtraucher sein möchte.

In Deutschland gibt es übrigens auch schon die ersten Anbieter. Einen Schritt weiter geht dabei TobaCycle. Dort werden die Auffangbehälter sogar aus alten Zigarettenresten hergestellt. Ein regelrechter Kippen-Kreislauf.

Ist das die Lösung für alles? Vermutlich nicht. Schließlich sind auch diese Aschenbecher davon abhängig, dass sie genutzt werden. Aber es ist eine Idee, mit der Menschen auf das Problem aufmerksam gemacht werden können. Auch wenn es nur ein kleiner Schritt ist, jeder Schritt in die richtige Richtung zählt. So kann jede/r Einzelne mit wenig Aufwand und etwas Spaß einen Teil beitragen. Und wenn das alle tun, dann haben wir die Lösung für das Zigarettenstummel-Problem. Vielleicht lässt sich dadurch sogar das Gefühl des Zusammenhalts stärken. Und sei es nur, indem man sich für Hunde oder Katzen als das bessere Haustier entscheidet.


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