Fahrrad statt Ferrari

Wenn man in Dänemark unterwegs ist, fällt einem gleich eine Reihe von Dingen auf, die etwas anders laufen als in Deutschland. Aber man merkt auch schnell, dass die meisten Vorurteile, die man mit unseren Nachbarn im Norden verbindet, gar nicht zutreffen. Die Menschen da essen zum Beispiel gar nicht ausschließlich Smørrebrød, reden nicht ununterbrochen über Hygge und haben darüber hinaus ein äußerst merkwürdiges Verständnis von Verkehr und Infrastruktur! Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man das erste Mal in Kopenhagen ist.

Brücke für Fahrräder und Fußgänger. Foto: Privat.

Spaziert man dort durch die Innenstadt, kommt man unweigerlich an Brücken vorbei, die an keine Straße angebunden sind. Diese wirken außerdem reichlich schmal, sodass kaum ein Auto ohne Kratzer darüberfahren könnte. Und ganz bestimmt keine zwei nebeneinander. Wer denkt sich denn so eine Fehlkonstruktion aus? Das würde uns hier in Deutschland nicht passieren. Dafür sorgen wir allein schon, indem wir den Beteiligten bei wichtigen Bauvorhaben etwas mehr Zeit geben, wie zum Beispiel bei Flughäfen oder Konzerthallen.

Aber was haben sich die Verantwortlichen in Kopenhagen denn nun dabei gedacht? Ganz einfach. Es handelt sich um Brücken für Fahrradfahrer und Fußgänger. 

Abkürzung und Touristenmagnet

Wer Kopenhagen kennt, weiß, dass die Stadt nicht einfach nur am Wasser liegt, sondern sogar auf mehrere Inseln verteilt ist. Möchte man hier von einem Punkt zum anderen kommen, muss man dieses Wasser nicht selten irgendwie überqueren. Da aber nicht alle 100 Meter eine Überführung steht, kann das anstrengend werden, wenn man nicht gerade mit dem Auto unterwegs ist. Oftmals müssen Kopenhagener und Touristen mehrere Kilometer zurücklegen, obwohl sie eigentlich nur mal eben auf die gegenüberliegende Seite möchten. Also doch wieder das Auto? Nein, in Kopenhagen baut man einfach spezielle  Brücken, die nur für Radfahrer und Fußgänger gedacht sind. Da ist man mit dem Fahrrad oftmals schneller als mit dem Ferrari.

In Zukunft fährt man vielleicht nicht mehr nach Kopenhagen, um sich die kleine Meerjungfrau anzusehen, sondern um Fahrrad zu fahren (oder um in bester Touristenmanier Fotos zu machen und dabei anderen Radfahrern im Weg zu stehen).

Fahrradbrücke in Schlangenform: Cykelslangen. Foto: Privat.

Die Cykelslangen (Fahrradschlange) beispielsweise ist eine reine Fahrradbrücke, die sich geschmeidig um ein Gebäude windet und dabei fast nebenbei ungefähr 12.000 Menschen den Weg zur Arbeit erleichtert. Hier heißt es nun Schlange fahren, statt Schlange stehen. Ideen wie diese kommen so gut an, dass sie zu regelrechten Touristenmagneten werden. In Zukunft fährt man vielleicht nicht mehr nach Kopenhagen, um sich die kleine Meerjungfrau anzusehen, sondern um Fahrrad zu fahren (oder um in bester Touristenmanier Fotos zu machen und dabei anderen Radfahrern im Weg zu stehen).

Vorfahrt für das Fahrrad

Die gute Behandlung der Radfahrer beschränkt sich aber nicht nur auf die Überquerung des allgegenwärtigen Wassers. Durch die ganze Stadt ziehen sich regelrechte Fahrradstraßen. Deutlich abgetrennt von denen für Autos und teilweise fast genauso breit. Und dadurch auch ebenso gern genutzt. Ungefähr 30 Prozent aller Wege werden in Kopenhagen mit dem Fahrrad zurückgelegt. Eine beeindruckende Zahl. Im Vergleich zu anderen europäischen Städten aber noch nicht einmal der Spitzenwert.

Fahrradparkhaus in Kopenhagen. Foto: Privat.

Bei unseren Nachbarn im Westen, in den Niederlanden, werden in manchen Städten sogar 60 Prozent der Wege mit dem Fahrrad gefahren. Auch dort tut man vieles, um das Reiten auf dem Drahtesel attraktiver zu machen. In Utrecht beispielsweise ist direkt am Bahnhof in den letzten Jahren ein richtiges Parkhaus entstanden. 12.500 Fahrräder finden dort auf 3 Etagen ihren Stellplatz. Die Frage, wie man dort den Überblick behält, malt einem Außenstehenden die Fragezeichen ins Gesicht. Aber die Radfahrer bewegen sich wie von Zauberhand geleitet geradewegs zu einem der freien Plätze, verstauen ihr Gefährt und machen sich auf den Weg zu den Bahnsteigen.

Gesetz des Stärkeren?

War man einmal in Kopenhagen oder Utrecht unterwegs, fühlt man sich als Fahrradfahrer selbst in Deutschlands sogenannten „Fahrradstädten“ ungefähr so willkommen wie Hänsel und Gretel im Haus der Hexe. Man wird zwar nett eingeladen, wird aber den Gedanken nicht los, dass man auf irgendeine Art sein Leben riskiert. Zu schmale oder gar nicht vorhandene Radwege, mal teilt man sich den Bürgersteig mit Fußgängern oder die Straße mit Autos, mal versucht die Fahrbahnmarkierung den Radler direkt in das Heck eines Linienbusses rauschen zu lassen. Dort nämlich, wo die Radwege eine Bushaltebucht integrieren.

In Deutschland fühlt man sich als Fahrradfahrer selbst in sogenannten „Fahrradstädten“ ungefähr so willkommen wie Hänsel und Gretel im Haus der Hexe. Man wird zwar nett eingeladen, wird aber den Gedanken nicht los, dass man auf irgendeine Art sein Leben riskiert.

Dabei gibt es durchaus gute Gründe, Radfahrern den roten Teppich auszurollen. Was ja eigentlich niemand verlangt. In der Regel freut man sich schon über einen abgetrennten Bereich, in dem man nicht riskiert mit anderen Verkehrsteilnehmern zu kollidieren. Gepflasterte oder asphaltierte Wege sind sowieso praktischer als Kunstfaser-Teppiche. Aber abgesehen davon, dass ein bisschen mehr Bewegung und frische Luft uns allen gut tun (inklusive der Autoren), sorgt eine gesteigerte Nutzung des Fahrrads in einer Stadt auch für eine Entlastung der Straßen, weniger Lärm und bessere Luft. Kein Wunder, dass die Dänen die glücklichsten Menschen der Welt sein sollen. Sie stehen schließlich auch nicht mehr so oft im Stau und müssen nicht ewig nach Parkplätzen suchen.

Teilen macht Spaß…

Allzeit bereit: Stadträder in Hamburg. Foto: Privat.

Einige andere Städte haben das Potenzial sogar schon erkannt. Dort mangelt es zwar noch an geeigneten Fahrbahnen, aber Fahrräder sind schon in großer Zahl vorhanden. Und dabei für jeden zugänglich. Wie das geht? Bike-Sharing. So nennt sich das Konzept, das auch mit Autos funktioniert und das wegen der (wirklich überall zu findenden) Elektroroller derzeit in aller Munde ist. Überall in der Stadt verteilt befinden sich Stationen, an denen man sich per Handy-App ein Fahrrad ausleihen kann. Durch unschlagbare Angebote erfreuen sich diese Fahrräder großer Beliebtheit. Ein Rad bei jeder Leihe für die ersten 30 Minuten kostenlos nutzen? Dazu an jeder beliebigen Station wieder abstellen? Wer braucht da noch einen eigenen Drahtesel, den er bei jeder Fahrt aus dem Keller schleppen muss?

Na gut, manche greifen doch lieber auf das eigene Fahrrad zurück. Schließlich gibt es die Stationen noch nicht überall und manchmal hat man das Pech, dass das letzte verfügbare Fahrrad gerade davonfährt. Aber hier wurde bereits ein erster Schritt für eine große Entwicklung gemacht. Weitere können nun folgen. Wenn die Strecken für Radfahrer noch etwas attraktiver werden, werden sich bestimmt noch mehr Leute für dieses Fortbewegungsmittel entscheiden. 

… und erhöht die Sicherheit

Wenn man solche Erfolgsgeschichten hört, fragt man sich direkt, warum man sich anderswo so schwer tut, Fahrradfahrern einen angemessenen Teil der Infrastruktur zu widmen. Die Nachfrage ist da, die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Und wir alle könnten nicht mehr behaupten, dass wir ja so gern mit dem Rad fahren würden, es aber zu umständlich oder gefährlich oder sonst wie nervig wäre. Oder wäre genau das das Problem?

Von gut ausgebauten Radwegen profitieren nicht nur die Radfahrer. Autofahrer hätten etwas mehr Platz auf den Straßen und Fußgänger endlich genug Ruhe für einen gemütlichen Spaziergang mit reichlich Pausen zum Umsehen.

Sauber getrennt: Autos, Fahrräder und Fußgänger. Foto: Privat.

Letztendlich profitieren von gut ausgebauten Radwegen nicht nur die Radfahrer. Autofahrer hätten etwas mehr Platz auf den Straßen und besonders Fußgänger hätten endlich genug Ruhe für einen gemütlichen Spaziergang mit reichlich Pausen zum Umsehen. So oft auch der Eindruck entsteht, Autofahrer würden sich aufgrund der Überlegenheit ihres Gefährts über die Radfahrer stellen, so scheinen auch viele Radfahrer der Meinung zu sein, dass Fußgänger lediglich Hindernisse auf dem Weg zu neuen Geschwindigkeitsrekorden sind.

Konzepte, die auf gemeinsamen Verkehrswegen und gegenseitiger Rücksicht aller Verkehrsteilnehmer beruhen, wirken vor diesem Hintergrund nahezu abenteuerlich. Wie es zu einem geregelten Verkehrsfluss kommen soll, wenn sich ein bis zu 40 Tonnen schwerer LKW bei 50 bis 60 km/h die Straße mit einem etwa 15 bis 20 km/h schnellen Fahrrad teilt, muss uns nochmal ein eifriger Physiklehrer erklären. Schließlich kommt auch niemand auf die Idee, Fußgänger und Autos in einen Topf (oder auf eine Straße?) zu werfen.

Die Nachbarn machen es vor

Dabei sollte man nicht nur fragen wie Fahrradwege in vorhandene Straßen integriert werden können, sondern wie man innovative Strukturen schaffen könnte. Fahrradwege, die sich über unseren Köpfen durch die Häuser schlängeln. Fahrradtunnel unter Fußgängerzonen. Oder wie bei den Dänen: Fahrradbrücken über Kanäle. Nicht nur nützlich, sondern ein wahrer Hingucker und Anreiz für mehr Bewegung. Beispiele dafür, dass es auch anders (sogar besser) geht, gibt es genügend. Man muss nicht mal allzu weit reisen. Unsere direkten Nachbarn im Westen und Norden sind bekannt für ihre Fahrradfreundlichkeit. Das kommt nicht von ungefähr. Diese Vorbilder sollte man sich zu Nutze machen. In der Schule ist abschreiben zwar (zu Recht!) nicht gern gesehen, aber hilfreich kann es trotzdem sein. Man muss ja nicht immer gleich das Rad neu erfinden. 

In der Schule ist abschreiben zwar (zu Recht!) nicht gern gesehen, aber hilfreich kann es trotzdem sein. Man muss ja nicht immer gleich das Rad neu erfinden. 

So ist die wichtigste Frage zur Fortbewegung in Deutschlands Städten in Zukunft vielleicht nicht mehr, ob es Diesel-Fahrverbote gibt oder nicht. Sondern ob man sich ein Fahrrad kauft oder leiht.


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